Das Dreiländermagazin
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Das tut uns allen gut

Linda Lorenz hat Karin Berndt, Bürgermeisterin von Seifhennersdorf, getroffen.


20. Feb. 2019

Die Stadt Zittau bewirbt sich um den Titel Kulturhauptstadt Europas gemeinsam mit den Kommunen der Region Dreiländereck. 3mag ist an Mandau und Neiße unterwegs und kommt zu Für und Wider der Bewerbung mit den Menschen vor Ort ins Gespräch. Linda Lorenz hat Karin Berndt, Bürgermeisterin von Seifhennersdorf, getroffen.

Frau Berndt, was kann die Kulturhauptstadtbewerbung in Ihren Augen bewirken? Sind Sie eher dafür oder dagegen?

Ich bin uneingeschränkt dafür, das kann man gleich mal so festhalten. Weil so eine Bewerbung – egal wie sie am Ende ausgeht – auf alle Fälle einen hohen Aufmerksamkeitswert besitzt und sehr viel Positives reflektieren kann. Das hat die Region uneingeschränkt verdient. Ja, das braucht die Oberlausitz mit den angrenzenden Ländern im Dreiländereck. Von so einer Bewerbung alleine schon kann ein sehr großes positives Image ausgehen – das erhoffe ich mir.

Es bewerben sich ja auch sächsische Städte wie Dresden für die Kulturhauptstadt. Was meinen Sie, unterscheidet das Dreiländereck oder auch Seifhennersdorf von den sächsischen Mitbewerbern? Generell: Was macht die Region für Sie besonders?

Für unsere unmittelbare Umgebung spielt natürlich das Dreiländereck eine ganz große Rolle. Dass das Zusammenleben hier mit Tschechien und Polen selbstverständlich ist und dass dort viele positive Synergien da sind. Natürlich kann man mit Dresden keinen unmittelbaren Vergleich anstellen, das sollte man auch nicht tun. Der ländliche Raum insgesamt hat ja viele positive Dinge gegenüber Großstädten aufzuweisen. Und vielleicht ist die Bewerbung eine Möglichkeit, um dieses Image dieser landschaftlich wunderschönen Umgebung ins rechte Licht zu rücken. Eine Großstadt hat ihr besonderes Flair, dort sind natürlich vorrangig größere Kulturangebote angesiedelt, das wissen wir. Wir erleben ja tagtäglich, wie schwer es ist hier, ein Theater oder ein Kino oder bestimmte Ausstellungen zu etablieren oder aufrecht zu erhalten. Aber ich bin vielleicht auch von Natur aus so angelegt: Dieses Ländliche, dieser Platz, diese schöne Landschaft, das ist unbezahlbar. Und das haben die Großstädter nicht in dem Maße. Ich finde es mutig, dass sich Zittau dort vorn anstellt und sich mit den umliegenden Kommunen gemeinsam bewerben will. Und ich denke, wenn wir unsere schönen Seiten ins richtige Licht rücken und das auch gut verkaufen, dann sind unsere Chancen genauso gut.

Was müsste denn konkret passieren, damit Sie sich in der Region oder in Seifhennersdorf wohlfühlen und dass es hier lebenswert ist?

Ach, das wäre eine ganze Liste, die man da als Wunschzettel abgeben könnte. Ganz im Argen liegt im Moment, was Seifhennersdorf betrifft, der Nahverkehr. Man versucht auch im touristischen Bereich Angebote zu etablieren, aber die Situation in der Gastronomie passt da im Moment nicht dazu. Da sind auch wirtschaftliche Zwänge, die manche Dinge nicht so gedeihen lassen, wie man sich das wünscht. Vielleicht sollte man erst mal auf das blicken, was vorhanden ist, denn man ist manchmal auch betriebsblind. Das sagen uns dann Gäste, die hierher kommen, Besucher oder ehemalige Bürger, die vor langer Zeit mal woanders hingezogen sind und erst in der Fremde die Vorzüge der Heimat zu schätzen gelernt haben. Wir wissen, dass hier viel zu tun ist und wir haben glücklicherweise auch noch viele Menschen da, die mit anpacken.

Die Euroregion Neiße ist sehr groß. Einige Orte fühlen sich daher eher zugehörig zu Zittau als andere. Wie ist das bei Ihnen, wie zugehörig fühlen Sie sich zu Zittau?

Das ist eine ganz enge Verbundenheit, warum auch immer. Seifhennersdorf gehörte zum ehemaligen Kreis Zittau. Meistens spielt das nicht unbedingt eine große Rolle, aber ich merke bei manchen Gesprächen mit den Bürgern diese Verbundenheit. Es würde uns insgesamt sowieso besser bekommen, wenn die Region noch ein bisschen enger zusammenrücken würde. Ich finde Zittau als eine ganz bemerkenswerte Stadt. Schon von der Geschichte her, wenn man den Wandel betrachtet, das ist sehr sehr spannend und architektonisch sehr schön. Wenn man den Marktplatz sieht und die Entwicklung außerhalb der ehemaligen Stadtmauer – Zittau hat da ganz schön Potenzial. Ich bin nun mal mit Leib und Seele Oberlausitzerin und die Reiche-Stadt gehört dann im unmittelbaren Umfeld natürlich als Erstes dazu, das ist uns näher als Bautzen oder Görlitz.

Welchen Vorteil hat denn für Sie das Zusammenrücken der Region mit den Nachbarländern?

Man kann Potenziale bündeln. Es ist ganz wichtig, dass Verständnis füreinander da ist. Es gibt ja regional auch ähnliche Probleme. Selbst wenn ich mit tschechischen Kollegen spreche, das ähnelt sich irgendwo alles. Natürlich auch die Heimatverbundenheit, das ist auch zu spüren. Was mich ein bisschen traurig macht, ist, dass es zu meiner Schulzeit nicht selbstverständlich war, Tschechisch zu lernen, dass wir deshalb richtig spüren, wie hinderlich mitunter diese Sprachbarriere sein kann. Deshalb ist es auch ein großer Wunsch von mir, dass in den Schulen beidseitig die Nachbarsprache als selbstverständlich unterrichtet wird. Ich treffe viele Leute in Tschechien oder in Polen, die mir bestätigen, dass es dort ganz selbstverständlich ist, Deutsch zu lernen. In unserem Schulsystem gibt es noch einige Hürden. Man bietet jetzt zwar auch Tschechisch-Unterricht an, aber es soll einfach selbstverständlich werden, dass man sich ganz normal ohne Hindernisse und ohne Probleme begegnen kann. Es ist für mich auch von der Geschichte her ganz wichtig, dass die jüngeren Generationen verstehen, was geschichtlich in den Nachbarländern eine Rolle gespielt hat, dann kann man, denke ich, auch die Zukunft besser gestalten – gemeinsam.

Haben Sie auch einen persönlichen Bezug zu den Nachbarländern? In Form von Vereinen oder Veranstaltungen, die Sie gerne besuchen?

Ja, ich bin jemand, der in Liberec gerne mal Eishockey guckt. Oder auch die Kulturangebote, die sind schon bemerkenswert. Ich habe auch ein paar Freundinnen in Tschechien, die natürlich alle Deutsch in der Schule gelernt haben oder von den Großeltern noch beigebracht bekommen haben. Das macht es mir natürlich leicht. Ich kann sagen, dass durch das Öffnen der Grenzen sich diese Beziehungen verfestigt haben und viel intensiver geworden sind und das ist schön. Auch zu den Kollegen in den Stadtverwaltungen Rumburk und Varnsdorf haben wir ein sehr kollegiales Verhältnis und eine sehr gute Zusammenarbeit – das sind richtig positive Sachen. Manches weiß man gar nicht: Erst jüngst hatten wir eine wunderschöne Begegnung mit Menschen aus Dolní Podluží und den Senioren von Seifhennersdorf. Es war eine Delegation hier und das war so gemütlich und berührend. Da hatte jemand sein Akkordeon mit und der Leiter unseres Seniorenclubs hatte seines auch gleich griffbereit. Dann haben die beiden Männer dort musiziert und alle haben mitgesungen, ich finde das positiv. Wenn das durch die Bewerbung jetzt durch bestimmte Veranstaltungen oder Medienpräsenz noch ein bisschen enger wird, dann haben wir schon alleine in dem Punkt gewonnen.

Abschließend: Was wünschen Sie sich bis 2025 für die Region oder speziell auch für Seifhennersdorf?

Ich wünsche mir eine gleiche Entwicklung und annähernd gleiche Lebensverhältnisse auch im ländlichen Raum. Ich bin doppelt motiviert für diesen ländlichen Raum zu kämpfen und die Menschen, die das bewusst als Heimat wählen oder hiergeblieben sind, die haben liebens- und lebenswerte Verhältnisse verdient. Ich hoffe, dass wir das entwickeln dürfen, dass uns nicht immer die Hände gebunden sind, wenn irgendwo etwas Positives passieren soll. Mit Sorge wird jetzt dieser Braunkohleausstieg beobachtet, denn das bringt nochmal einen kolossalen Umbruch. Ich hoffe, dass es kein Abbruch wird, dass es wirklich ein Umbruch ist. Ich habe dann immer Vorschläge parat: Ich würde viele Leute in der Lebensmittelindustrie beschäftigen, ich möchte keine belasteten Lebensmittel mehr im Umlauf haben. Wir könnten hier in der Region die Chance nutzen, dass wir wieder regionale Kreisläufe in der Ernährung aufbauen. Zittau war immer eine ganz tolle Umgebung für Gemüseanbau – das wäre eine Entwicklungsmöglichkeit für die Zukunft. Dann müsste man aber die Strukturen dafür zur Verfügung haben, dass nicht die Gärtner die Ärmsten sind im Lande, die von der harten Arbeit ihre Existenz nicht bestreiten können und nicht davon leben können. Hier sind viele Leute, die haben damit Erfahrung, gerade im Gemüseanbau. Wenn man jetzt andere Dinge umgestalten würde, könnte sich eine gesunde Lebensweise wieder durchsetzen. Wir haben die Flüsse wieder sauber gekriegt, wir haben viel für den Umweltbereich getan, das ist eine Branche der Zukunft aus meiner Sicht. Auch das kann in so eine Bewerbung mit einfließen, dass wir friedliebende Menschen sind, dass wir eine schöne Zukunft für unsere Nachfahren haben wollen, für unsere Kinder, für unsere Enkelkinder. Deshalb ist das genau richtig, was Zittau jetzt macht. Ich bin da voll begeistert und möchte das auch mit allen Mitteln unterstützen.

Ist Ihnen noch etwas wichtig?

Ich wünsche mir für die Kommunen mehr Möglichkeiten, vieles mit den Stadträten und Gemeinderäten entwickeln zu dürfen, dass die Menschen, die hier leben, sich nicht als Verlierer oder abgehängt fühlen. Da können wir gemeinsam eine andere Perspektive aufzeigen, dass wieder mehr Lebensfreude entsteht. Das hat nichts mit Reichtum zu tun, das ist auch so eine Erfahrung, die ich gemacht habe. Ein weiterer großer Wunsch ist, dass die Menschen wieder ein bisschen mehr Lust haben, sich irgendwo einzubringen – und wenn es nur bedeutet, eine schöne Veranstaltung zu besuchen. Wir hatten jetzt erst beim Weihnachtsmarkt den Bunten-Weltchor-Bautzen zu Besuch, das war so fantastisch. Aber da hätte eigentlich jeder Platz gefüllt sein müssen. Das hat so viel gegeben, ich schwärme heute noch davon. Ich habe auch den Chor für nächstes Jahr gleich wieder eingeladen, aber es waren zu wenige Zuhörer da, das war traurig.

Ich wünsche mir zudem eine humane Lebensweise. Für die Kinder- und Jugendarbeit versuche ich auch im Stadtrat ganz viel zu tun. In Seifhennersdorf ist das immer Nummer Eins: Bildung, Erziehung, Kinder- und Jugendarbeit und außerschulische Angebote. Das kostet natürlich auch Geld und das muss man dafür erst mal zur Verfügung haben. In dem Zwiespalt sind wir immer: Wir wissen, was wir tun möchten, und dann fehlen die Möglichkeiten. Das darf eigentlich nicht sein, wir sind ein reiches Land und da muss zuerst das da sein, was es für die Entwicklung des Nachwuchses, der ja unsere Zukunft ist, braucht.

Und zusammenfassend für die Kulturhauptstadtbewerbung?

Es könnte sein, dass viele Leute sagen: “Ja, was soll denn das, was haben wir denn davon und was bringt denn das?” Aber schon alleine die Bewerbung bringt aus meiner Sicht so viele positive Effekte, die den Bekanntheitsgrad und die Aufmerksamkeit für die Region steigern. Das haben wir verdient, hier in der Oberlausitz. Ein weiterer Punkt sind die Umgebindehäuser, man kann es nur immer wieder sagen. Ich habe den Wandel auch ein bisschen verfolgt. Zu DDR-Zeiten hieß es ganz schnell: “Ach die alte Bude muss weg.” Da hat es in den letzten Jahren einen kolossalen Wandel gegeben. Man ist sich jetzt der Werthaltigkeit und der Einmaligkeit bewusst und versucht mit den zur Verfügung stehenden Mitteln Häuser zu retten, die früher wahrscheinlich keine Chance gehabt hätten. Jetzt haben wir genau in dieser Region mit Zittau in der Mitte auch die ostdeutsche Fachwerkstraße etabliert. Das sind einmalige Besonderheiten und das können wir jetzt mal so richtig an den Mann und an die Frau bringen mit dieser Bewerbung. Das tut uns allen gut!

Vielen Dank für das Gespräch!

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20. Feb. 2019|Linda Lorenz

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