Das Dreiländermagazin
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Die AG Dialog Zittau


30. Apr. 2022

Oberlausitz im Wandel

Das soziale Klima erscheint als einer der einflussreichsten Faktoren für die Entwicklungschancen und das Gelingen des Strukturwandels im Süden der Oberlausitz. Der Umgang der Menschen miteinander hat Auswirkungen auf die Entwicklungsprozesse einer Region, ist die Basis für Lebensentscheidungen junger Menschen, bei der Wahl des Lebensmittelpunktes und des Wohnortes, wo sie sich wohl fühlen und in welchem Umfeld die besten Chancen bestehen, sich zu verwirklichen.
Darum machen sich viele Bürgerinnen und Bürger Gedanken um das bestehende soziale Klima und sind stark gewillt, aktiv zur Verbesserung beizutragen.

Die AG Dialog Zittau

Ein Zusammenschluss von Menschen in der Südoberlausitz ist die AG Dialog. Diese hat sich zur Aufgabe gemacht, für mehr Gemeinschaft in der Stadt Zittau einen Dialog der widerstreitenden Gruppen in der Stadt einzutreten. Statt übereinander zu reden und sich abzugrenzen, erhoffen sie sich, ins Gespräch zu kommen und durch gemeinsames Tun den Zusammenhalt zu stärken. Schließlich „wünschen wir uns alle eine gute Zukunft für unsere Stadt. Es liegt an uns, diese aktiv mitzugestalten!“, so die Mitwirkenden der Arbeitsgemeinschaft.
„Über die Organisation verschiedener Veranstaltungen bemühen wir uns um einen direkten, fairen und respektvollen Meinungsaustausch zwischen den Menschen.“
Gegründet hat sich die AG Dialog im September 2019, als die zunehmende Polarisierung der Zittauer Stadtgesellschaft Thema auf einer Veranstaltung der Partnerschaft für Demokratie war. Dort fanden sich spontan 10 Menschen zusammen, die gemeinsam daran arbeiten wollten, die Zittauerinnen und Zittauer mit ihren konträren Überzeugungen und aus teils sehr verschiedenen Lebensumfeldern miteinander ins Gespräch zu bringen.
„Unsere Grundüberzeugung ist, dass unterschiedliche Meinungen zu einer demokratischen Gesellschaft gehören, dass es aber Orte braucht, wo Menschen einander zuhören, miteinander streiten und ihre Argumente austauschen. Wir wollen durch die Organisation von Veranstaltungen Dialogräume schaffen, wo Zittauerinnen und Zittauer respektvoll miteinander reden und unterschiedliche Ansichten diskutieren und deren Ursachen ergründen. Darüber hinaus möchten wir Anlässe schaffen, bei denen Menschen trotz ihrer verschiedenen Meinungen und Hintergründe mit Spaß und Freude für ein sympathisches Miteinander in Zittau aktiv werden.“

Der Dialogstammtisch

„In den letzten Monaten haben viele Menschen ihren Unmut auf verschiedenste Weise ausgedrückt. Wer geht mit welchem Anliegen auf die Straße? Und wie können wir über die diffuse Artikulation von Protest, Unbehagen und Wut hinaus, Probleme lösungsorientiert ansprechen? Was braucht es, damit wir an den richtigen Orten gehört werden und mitreden können? Was muss sich verändern, damit wir uns von der Politik ernst- und mitgenommen fühlen? Das ist eines von vielen Themen, die uns in der AG Dialog bewegen. Beim Organisieren von Veranstaltungen fehlt uns meist die Zeit, unsere Inhalte selber intensiv zu diskutieren. Aus diesem Grund starten wir ein neues Format: In einem monatlichen Dialogstammtisch wollen wir in lockerer Atmosphäre ins Gespräch kommen – jenseits von großen Veranstaltungen und zunächst ohne eingeladene Expert*innen. Wir wünschen uns, dass sich Menschen mit verschiedenen Meinungen eingeladen fühlen und wir kontrovers, aber respektvoll miteinander diskutieren können.“

Die 3mag-Redaktion hat einige Aktive der AG Dialog Zittau getroffen, um mit ihnen über ihre Erfahrungen bei diesem sinnvollen und wichtigen Vorhaben zu sprechen.

Thomas Hoffmann

Ich bin jemand, der Brücken bauen möchte. Und dazu gehört, Wege zu finden, um die Spaltung in unserer Gesellschaft zu überwinden und miteinander ins Gespräch zu kommen.
Die Aktionen der AG Dialog sind dafür ein positives Beispiel. Bereits bei der ersten Dialogveranstaltung am 1. Juli 2020 im Volkshaus haben über einhundert Menschen mit teils sehr unterschiedlichen Standpunkten teilgenommen. Dabei waren wir zunächst skeptisch über den Ausgang einer solchen Veranstaltung, da die Menschen durch die Maßnahmen der vorangegangenen Wochen sehr aufgebracht waren. Aber wir haben erlebt, wie das miteinander Reden und sich zuhören die Atmosphäre spürbar verändert hat – angefangen von persönlichen Gesprächen über Gesprächsgruppen, bis hin zu einer großen Abschlussrunde. Jeder konnte aussprechen, was ihn bewegt. Und es wurde zugehört. Wichtig ist, auf Gesprächskultur zu achten und sich gegenseitig mit Respekt zu begegnen.
Die hohe Beteiligung hielt an, als wir im Dezember 2020 von persönlichen Begegnungen auf online-Veranstaltung umstellen mussten. Unter dem Titel „Hinter den Kulissen der Pandemie“ hatten wir zum Dialog mit Vertretern des Gesundheitswesens, der Verwaltung und der Wirtschaft eingeladen. Leider hatten wir aus Versehen den Zugang beschränkt, was die konstante Teilnehmerzahl von 100 Personen erklärte…
Eine sehr gute Erfahrung waren für mich das März- und Aprilgespräch zur „Leerlauf“-Situation von Kindern und Jugendlichen im Corona-Alltag, sowie den Perspektiven trotz Corona. Dabei wurde, auch durch unseren Gast Prof. Dr. Gerald Hüther, grundlegend aber auch konstruktiv unser Bildungssystem hinterfragt. Leider konnten auch diese Dialogrunden nur online stattfinden, was nicht dasselbe ist, als wenn man sich direkt gegenübersitzt.
Zunehmend empfanden wir es als Herausforderung, zu verhindern, dass wir beim Dialog nicht in einer Blase von mehr oder weniger Gleichgesinnten landen. Auch wurden, bedingt durch die Montagsdemos, sowie die wachsende Emotionalisierung und auch Ideologisierung die Gespräche schwieriger.
Im Juni starteten wir den Versuch, mit einem online-Dialogstammtisch unter dem Titel “Vom Ringspaziergang zur Stadtratssitzung“ konstruktive Gespräche über bürgernahe (Stadt)Politik in Gang zu setzen. Dabei zeigte sich wieder, dass das online-Format für eine lockere Gesprächsatmosphäre eher hinderlich ist.
Beim „Sommer in der Stadt“ am 10.Juli 2021 konnten wir die schöne Atmosphäre in der Stadt genießen und bei unseren Aktionen in den Fleischbänken endlich wieder live miteinander reden. Wir verschenkten wunderschöne Versöhnungs-Ansichtskarten mit Aufschriften, wie „Es tut mir leid“ „Lass uns wieder miteinander reden“ usw. und Komplimente-Lesezeichen. Damit wollten wir die Menschen einladen, wieder aufeinander zuzugehen und entstandene Gräben zuzuschütten. Dazu sollte die malerische Gestaltung einer „Schweinehund-Galerie“ dazu ermuntern, eben diesen innerlich zu überwinden. Außerdem hatten die Vorübergehenden die Möglichkeit, auf einem Plakat Wünsche für Zittau aufzuschreiben, die zum Abschluss musikalisch präsentiert wurden. All diese Aktionen, verbunden mit guten Gesprächen, sind auf gute Resonanz gestoßen. Mir waren all diese Impulse und Anstöße sehr wichtig. Es sind in den vergangenen Monaten sehr viele Verletzungen passiert. Viele Menschen sind nicht mehr in der Lage, nach all den Streitereien und Anfeindungen miteinander zu reden. Freundschaften sind zerbrochen. Teilweise gehen die Gräben durch die Familien.
Das gleiche Anliegen verfolgte auch unsere „Zittau Stadtwichtel“-Aktion „Freude machen steckt an“, sowie auch das aktuelle Projekt „Lasst uns nicht hängen“, wo wir ins Gespräch kommen wollen, indem wir Obst vor dem Verfall retten und gemeinsam verarbeiten.
Die Spannungen und Herausforderungen werden uns begleiten. Deswegen brauchen wir Gespräche und Versöhnung, damit Zusammenhalt möglich wird. Und das ist der Grund für mich, unbedingt die Arbeit der AG Dialog fortzusetzen und weiterhin Leute zusammenbringen. Als Christ bin ich überzeugt, dass echter Frieden möglich ist.
Und die nächsten Herausforderungen sind uns allen gegenwärtig.
Gerade dafür muss es Angebote wie die AG Dialog geben. Es ist wichtig, dass wir uns gegenseitig zuhören, und über unsere gegensätzlichen Standpunkte frei und offen miteinander reden können, sachlich und ohne uns gegenseitig anzugreifen. Denn letztlich leben wir nun mal hier zusammen und müssen miteinander auskommen.

Anne Knüvener

Ein vorrangiges Ziel der AG Dialog war, mit den Menschen in der Stadt ins Gespräch zu kommen. Mit den Montagsdemonstrationen entwickelte sich alles in eine Richtung, in der ein Dialog nicht mehr möglich war und wir im Gegenteil diesen Tendenzen keine Bühne geben wollten. Wir konnten uns nicht mehr vorstellen, gemeinsam auf ein Podium zu gehen.
Trotzdem wollen wir natürlich weiterhin miteinander in Kontakt stehen und im Gespräch bleiben, weil das ganz wichtig ist. Und da haben wir gedacht, dass wir gemeinsame Aktionen organisieren und darüber in Kontakt bleiben. Und da ist die Idee zu einen Ernteprojekt entstanden. Das heißt, dass wir gemeinsam Obst ernten und jeder, der will, kann da mitmachen. Es soll Obst sein, was sonst verkommt, wir gemeinsam das Obst verarbeiten und zu allen möglichen Gelegenheiten gegen Spenden abgeben und natürlich kann auch jeder etwas davon mit nach Hause nehmen. Die Idee ist, dass wir über das gemeinsame Tun wieder eine Basis auf einer neuen Ebene miteinander finden. Dass wir die Menschen wieder als Menschen sehen und schätzen, jenseits der politischen Verwerfungen, die da sind. Und dass man dann vielleicht später wieder Politik miteinander sprechen kann. Aber jetzt ist nicht der Zeitpunkt, Podiumsdiskussionen zu organisieren.

Du hast eine Idee für einen Artikel? Wir besuchen dich gerne, schreib uns via info@3mag.eu.

30. Apr. 2022|3mag Redaktion

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