Das Dreiländermagazin
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Die Heimat neu kennenlernen

Der Künstler Daniel Elias Böhm kehrte vor acht Jahren seiner Heimat den Rücken. Nun ist er zurückgekommen und erzählt von seinem alten Kinderzimmer, seinen Tschechisch-Kenntnissen und dem Gestaltungspotenzial der Region.


23. Jan. 2019

Ich bin ein Heimkehrer. Pendler war ich zu Ostern und Weihnachten. Das ist immer die Zeit, wo man nach Hause kommt. Aber jetzt ist es ein Heimkehren. Ich hatte mal ein Lied geschrieben: „Liebe Grüße aus Zittau“. Ich stand auf dem Balkon und erinnerte mich an all die Partys, die wir hier veranstaltet hatten. Die Heimatverbundenheit war immer da. Eigentlich denkst du, du bist am Arsch der Welt. Weil man das Gefühl hat, die Zeit tickt hier langsamer. Die ersten Jahre haben meine Eltern mein Kinderzimmer noch genauso gelassen, wie ich es verlassen hatte. Das war total gruselig. Es war wie eine Rückblende. Als hätte ich wieder Liebeskummer nach meiner ersten Jugendliebe, die mit mir auf dem Balkon Schluss gemacht hat. Das war unheimlich!

Nun hat sich eine Tür geöffnet. In ein paar Jahren kann ich die Bowling-Bar meines Vaters weiterführen. Eigentlich wäre ich weitergereist. Ich habe mich immer gefragt: War das schon alles? Habe ich schon alles gesehen? In der Schauspielschule kam mir die Idee, in jedem Bundesland wenigstens einmal zu spielen. Ich habe daraufhin einfach mein Ziel geändert: Ich spiele jetzt als Gast weiter und kann diesen Wunsch trotzdem wahrmachen. Ich bin kein großer Reisender, aber ich finde, Deutschland hat so viele interessante Ecken – die Dialekte, die Leute, Habitus, Gerichte.

Als ich mit meiner Freundin beschlossen habe zurückzukommen, haderte ich erst und fragte mich, ob das wirklich die richtige Entscheidung sei. Denn ich dachte, ich kenne hier schon alles. Aber da es keine Grenzen mehr gibt, merke ich, dass ich hier doch noch nicht alles kenne – gerade in den Nachbarländern. Mein bester Freund lebt jetzt in Liberec und durch ihn habe ich neue Menschen kennengelernt, die Tschechisch, Englisch und Deutsch sprechen. Die Heimat neu kennenzulernen, das ist eine Art Heimat 2.0. Das bedeutet auch, das, was ich in den letzten acht Jahren gelernt habe, mit hierher zu nehmen. Ich bin jetzt in einem Alter, wo ich sagen kann: Jetzt gestalte ich mit und bringe frischen Wind in die Gegend. Dieses Gestaltungspotenzial ist das Gute an der Region. Der Vorteil als Heimkehrer ist, dass es hier noch immer Netzwerke gibt. Sei es Menschen von früher oder Leute, die ich neu kennenlerne. Ich habe jetzt viel mehr Kontakte und wir unterstützen uns gegenseitig. Das ist der Vorteil hier. Denn in Esslingen kannte ich kaum jemanden – außer die Menschen in meinem Theaterkosmos.

Weniger ist mehr

Eigentlich ist es mir egal, wo ich bin. Die Frage ist ja, wie gestalte ich die Gegend, in der ich lebe, was kann ich neu kennenlernen? Ich mag es, dass in der kleinen Region trotzdem viel los ist. Im Sommer gibt es überall Feste, in jedem Dorf passiert etwas – und die Leute gehen hin. Das Theater ist beliebt, was nicht selbstverständlich ist. In manchen Regionen gehen die Leute kaum ins Theater. Hier gibt es Livebands, Natur vor der Haustür – es ist alles vorhanden. In Esslingen weckten mich am Morgen die Autos, jetzt wecken mich die Kühe. Manchmal habe ich das Gefühl, dass die Welt hier noch in Ordnung ist. Auch wenn manche Leute sagen, Zittau sei tot und leer. Aber es gibt genug andere, die es anders sehen. Vielleicht verdient man hier weniger als in den alten Bundesländern, aber wenn ich sehe, dass in Esslingen das Käsebrötchen 2,90 Euro kostet, dann denke ich mir, kann ich genauso gut an die Tanke gehen. Weniger haben und sich trotzdem besser fühlen – das geht hier allemal. Ich habe das Gefühl, dass es viele Menschen gibt, die wissen, sie werden hier nicht reich, aber trotzdem lebensfroh sind.

Grenzenloses Miteinander

Ich schätze den ländlichen Raum. In der Stadt gibt es oft ein Überangebot, aber hier kann noch etwas Neues entstehen. Ich möchte hier ein Angebot für Familien schaffen, im Bereich Kinder- und Jugendtheater. Auch Musikveranstaltungen möchte ich anbieten, den Leuten einen Ort geben, wo sie ausgelassen und offen sein können. Das Schöne hier ist, dass man kreativ sein kann. Ich finde es nur schade, dass viele nicht in der Lage sind, im tschechischen Restaurant auf Tschechisch zu bestellen. Ich habe angefangen, Tschechisch zu lernen, kann aber noch keine Sätze bilden. Es ist jedoch ein Anfang, den Nachbarn zu zeigen, dass man sich Mühe gibt – und das schätzen sie. Ich stand einmal an der Tanke und habe ein Wort falsch ausgesprochen und eine Tschechin hat mich berichtigt. Das ist einfach ein schönes Miteinander. Das macht mich glücklich. Es heißt immer, wir sind nur eine kleine Region. Aber es gibt so viele Möglichkeiten, sich zu begegnen. In der Bowling-Bar meines Vaters könnte man daher viel mehr Veranstaltungen auch für tschechische und polnische Nachbarn anbieten. Man muss sie nur informieren.

Ich habe in Esslingen Menschen getroffen, die gesagt haben: „Zittau ist so schön“. Ich denke, dieser positive Stolz, den viele Menschen hier von ihrer Region haben, überträgt sich auf andere. Deshalb bin ich auch für die Kulturhauptstadtbewerbung: Denn das bringt mediale Aufmerksamkeit, hoffentlich mehr Touristen, kulturelle Projekte, finanzielle Förderung und ein besseres Miteinander. Ich denke, jeder Einzelne kann damit anfangen.

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23. Jan. 2019|Linda Lorenz

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