Ještěd feiert 50 Jahre!

»Das einzigartige Bauwerk auf dem Jeschken / Ještěd ist seit 50 Jahren eine Art „Leuchtturm" für die Region Liberec, dessen silberweiße Verkleidung die Sonnenstrahlen noch in zig Kilometern Entfernung reflektiert. Heute sind die meisten Einwohner stolz auf das Hotel und den Sender Ještěd, doch Mitte der 1960er Jahre, als die Öffentlichkeit zu einzelnen Vorschlägen für den Neubau Stellung nehmen sollte, wurde genau dieses Projekt von Karel Hubáček grundsätzlich abgelehnt und angefochten.«

Am 21. September 1973, also vor genau 50 Jahren, wurden die Tore des Berghotels und des Fernsehsenders auf dem Ještěd zum ersten Mal für die Öffentlichkeit geöffnet. Die offizielle Fertigstellung und Übergabe des Gebäudes fand allerdings schon etwas früher, am 9. Juli, statt und bereits ab dem 1. Mai 1971 wurde von dem 96 Meter hohen Turm ein Fernsehsignal gesendet.

Der Ještěd-Turm in Form eines rotierenden Hyperboloids spiegelt aus der Ferne betrachtet elegant die ursprüngliche Silhouette des Berges wider und wird so zu einem untrennbaren Landschaftselement in der hügeligen Gegend Nordböhmens. Das Gebäude wurde zudem zu einem Symbol für die gesamte Region Liberec und Liberec selbst erhielt den Spitznamen „Die Stadt unter dem Ještěd“.

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Entworfen hat das Gebäude der Liberecer Architekt Karel Hubáček, dessen Einzigartigkeit dadurch belegt wird, dass der Ještěd im Jahr 2000 als bedeutendstes tschechisches Bauwerk des 20. Jahrhunderts ausgezeichnet wurde und seit dem 1. Januar 2006 zum Nationalen Kulturdenkmal der Tschechischen Republik gehört. Derzeit läuft die Nominierung des Ještěd für den Titel UNESCO-Weltkulturerbe.

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Für die Bürger von Liberec und die Einwohner von Podještědí hatte der Ještěd (1.012 m) schon immer eine magische Bedeutung. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts wurden auf dem Gipfel selbst in verschiedenen Hütten Erfrischungen gereicht und man konnte von einem hölzernen Aussichtsturm die Bergwelt überblicken. Der Deutsche Gebirgsverein für den Ještěd und das Isergebirge beschloss an dieser Stelle eine repräsentative Steinhütte zu errichten. Sie wurde am 31. Januar 1907 eingeweiht und erfreute sich großer Beliebtheit, insbesondere als eine Seilbahn ab 1933 die Besucher heraufbrachte. Am 31. Januar 1963 brannte die Hütte jedoch bei einer unvorsichtigen Rohrentwässerung ab.

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Daraufhin wurde beschlossen, ein neues Hotel mit einem Restaurant zu bauen und den Turm auch für Fernsehübertragungen zu nutzen. Insgesamt wurden 11 Projekte für den Architekturwettbewerb eingereicht. Die Fachjury erklärte schließlich das Projekt von Ingenieur Architekt Karel Hubáček (1924-2011), aus dem Liberecer Büro SIAL zum Gewinner. Der Entwurf von Architekt Hubáček war der einzige, der die Bedingungen des Architekturwettbewerbs nicht erfüllte. Die Aufgabenstellung verlangte, dass zwei Gebäude, ein Sender und ein Hotel, getrennt auf dem Ještěd stehen sollten. Doch er vereinte beide Funktionen in einem Gebäude. Neben dem Hauptarchitekten waren es Ingenieur Zdeněk Patrman (1927-2001), der die Tragwerksplanung ausgeführte und Architekten Otakar Binar (1931) der die Inneneinrichtung entwarf und darüber hinaus weitere führende tschechische Künstler und Designer, die zum Gelingen des Bauwerkes beitrugen.

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Der Grundstein für das neue Gebäude wurde am 30. Juli 1966 gelegt. Mit dem Bau des Gebäudes wurde die Firma Pozemní stavbě Liberec beauftragt und die Kosten beliefen sich auf 64 Millionen Tschechische Kronen. Schon während des Baus erregte das außergewöhnliche Hotel- und Sendergebäude die Aufmerksamkeit der internationalen Architektenschaft. 1969 verlieh der Internationale Architektenverband Karel Hubáček den Auguste-Perret-Preis. Das kommunistische Regime erlaubte ihm jedoch nicht, den Preis in Argentinien entgegenzunehmen.

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Wenige Tage nach dem Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts in die Tschechoslowakei am 21. August 1968, der freie Rundfunk wurde durch die Sowjetischen Truppen kontrolliert, sendete trotz des staatlichen Verbotes Radio Svobodné studio SEVER zwischen dem 25. und 27. August vom Ještěd aus. Am Dienstag, den 27. August, dem letzten Sendetag, sprachen in der Sendung der Schauspieler Jan Tříska und der Dramatiker Václav Havel, der spätere tschechische Staatspräsident. Zum Gedenken an sie wurde an der Stelle eine Gedenktafel angebracht.
38 Jahre später, 2006, ist das futuristische Hotel Kulisse für die abendfüllenden Komödie „Grandhotel“ unter der Regie von David Ondříček, nach dem gleichnamigen Roman von Jaroslav Rudiš. Drei Monate dauern die Dreharbeiten zu der Liebesgeschichte um den Hausmeister Fleischmann und das Zimmermädchen Ilja und führt zu einzigartigen Aufnahmen rundum und aus dem Hotel Ještěd.

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Im Nordböhmischen Museum in Liberec findet derzeit eine Ausstellung zum 50-jährigen Jubiläum des Ještěd statt, die noch bis zum 18. Oktober zu sehen ist. Die Besucher können Modelle aller nicht ausgewählten Entwürfe sehen und zudem viele Fotografien aus der Zeit, die hier zum ersten Mal ausgestellt werden.

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Ein halbes Jahrhundert nach der Einweihung bleibt das Wahrzeichen auf dem Ještěd ein Ausdruck moderner Architektur. Und auch wenn nach dem Absturz der Seilbahn im Oktober 2021 bis zur Wiederaufnahme des Betriebs noch ein Jahr vergehen wird, können Besucher wie vor 100 Jahren auf eigene Faust dorthin gelangen, indem Sie verschiedene Routen aus dem Liberecer Becken, aber auch aus der malerischen Region Podještědí wählen. Bei Erreichen des Gipfels gestattet der Berg einen einmaligen Blick über die Kämme des Riesengebirges und des Isergebirges und hinüber in die Ferne nach Polen und Deutschland.

Foto: Pavel Vinklát, Matyáš Gál, Jan Pikous, Jan Schejbal, archiv Severočeského muzea