Das Dreiländermagazin
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Sachsen und der „gefühlte Krieg"


22. Feb. 2022

Meine letzte Reise nach Bosnien war desillusionierend. Dabei war ich schon bei meinen vorangegangenen Reisen einigermaßen ernüchtert. Aber ich war seinerzeit noch nicht ehrlich genug zu mir. Als KONNTE ich nicht glauben, was ich bei meinen neuerlichen Reisen sah, weil ich lieber glauben WOLLTE, was ich seinerzeit im Auslandseinsatz gedacht hatte, als ich nach dem Krieg drei Jahre lang half, das Land wieder aufzubauen.

Nach jenem Krieg gab es dort Hoffnung. Aber was ist aus der Hoffnung geworden? Was passiert, wenn die Hoffnung auf Jahrzehnte hin von einem schmutzigen Polit-Theater regelrecht „totgesessen" wird?
Das ist Bosnien heute: Ein eigentlich schönes Land, regiert von ebenso korrupten wie nationalistischen Banden, die nur zusammenarbeiten, wenn der internationale Geldsack neue Millionen ins Land spucken möchte. Die Abwanderungsrate der jungen Leute ist hoch, die Geburtenrate marginal. Es ist nur eine Frage von Jahrzehnten, bis...
Ja, was eigentlich?
Das Ganze erinnert mich manchmal an Ostsachsen, wo ich lebe. Es gibt hier ein paar Leute, die an eine positive Zukunft der Gegend glauben. Aber wenn man genau hinsieht: Wenig junge Leute, dafür umso mehr ältere Herren mit schlechter Laune.
Wer will hier leben? Und vor allem: Warum?
Da beißt mich die nasse Katze in den Hintern: Warum lebe ich hier? Weil es schön ist, weil es meine Heimat ist, weil ich es nicht besser weiß? Weil ich an eine positive Zukunft der Region glaube?
Ja, klar: Die Gegend ist schön. Aber die Bedeutung der Dinge ergibt sich aus der Beziehung, die man zu den Dingen hat. Und Fakt ist, dass nur wenige junge Leute eine Beziehung zu dieser Gegend haben wollen. Heimat, so scheint es, ist vor allem eine Sache älterer Herren. Und von noch nicht ganz so alten Menschen, die genau das nicht glauben wollen.

Bosnien ist auch schön. Aber das hilft dem Land nicht. Es kommt kaum vorwärts. Es ist, so schien es mir beim letzten Besuch, tatsächlich lohnenswerter, sich heute Abend zu betrinken, als zu überlegen, was man mittel- oder langfristig mit seinem Leben anstellen könnte. Weil man sich wirklich anstrengen kann und trotzdem nicht weiß, ob daraus etwas wird.
Freilich weiß man das nie so richtig. Aber was ist, wenn man fast flehen muss, damit man einen versicherten Job bekommt? Oder wenn man trotz theoretisch gleicher Chancen in ethnisch getrennte Berufsschulen geschickt wird? Man geht quasi durch das gleiche Schultor und landet in unterschiedlichen Klassen. Das Unterscheidungskriterium? Der Name, der Glaube, der Wohnort.

Sachsen ist von so etwas weit entfernt. Hier gibt es das nicht. Warum soll man das also vergleichen?
Weil das Beispiel Bosnien zeigt, wo wir landen, wenn wir abschottenden, irgendwie „zurückblickenden" Gedanken freien Lauf lassen. Damit meine ich nicht, dass wir im Krieg landen, damit meine ich, dass sich die schlechte Laune wie Mehltau über das Land legt, bis die Zukunft kaum mehr zu sehen ist und auch keiner mehr herziehen will.
In Sachsen erscheint die Situation zunächst umgekehrt: Das vergiftete Klima entsteht nicht so sehr durch krasse Dummheiten „von oben", sondern eher durch schlechte Laune „weiter unten", in der Mitte der Gesellschaft. Aber ganz ähnlich wie Bosnien haben wir eine miese Geburtenrate bei gleichzeitig hoher Abwanderung, und wir haben wenig Zuzug.
Man könnte natürlich den sprichwörtlichen Spieß herumdrehen und mit der aktuellen Stimmung Werbung machen: Man plakatiere im Ruhrgebiet oder in Berlin, dass man nach Sachsen kommen solle, weil Deutschland dort noch „normal" sei. Yihaa!

Es gibt aber noch einen anderen Grund, warum sich ein Vergleich lohnt: In Sachsen haben wir Frieden, aber einen „gefühlten Krieg" in den Herzen mancher wütender Zeitgenossen.
In Bosnien weiß man, was Bürgerkrieg bedeutet, und man hat lange gebraucht, um die direkten Kriegsfolgen hinter sich zu lassen. Es herrscht dort zwar Frieden, viele haben aber trotzdem zu wenig Perspektive, weil das Echo des Krieges in Form jenes verfluchten politischen Possenspiels noch andauert. Man braucht für jedes Jahr Krieg zehn Jahre, um die Schäden zu kompensieren. In Bosnien braucht man deutlich länger.
Während in Bosnien die traumatischen Folgen des Krieges offen liegen und die Leute gern anders leben würden, das aber eben kaum können, sehen wir in Sachsen die Ursachen für den „gefühlten Krieg" in den Köpfen nicht, weil es kein katastrophales auslösendes Ereignis gab.
Gleichzeitig verhalten sich manche Sachsen so, als wäre gleich Krieg, als seien ein paar Migranten oder das Corona-Virus dergestalt „letzte" Katastrophen, dass man Haus, Hof und Ruf riskieren müsste, um dagegen vorzugehen.
Man wähnt sich im Krieg, aber das Ganze findet nur affektiv statt. Der ach so kriegerische Faustschlag während einer Demonstration landet aber nicht am Kopf eines „Feindes", sondern eines Polizisten – der zufällig auch der eigene Nachbar sein könnte.
Wo manche unserer Zeitgenossen „Krieg fühlen", haben wir es rational „nur" mit einer Demokratie zu tun, die gerade ihre jahrzehntelang gewohnten Komfortzonen verlassen muss, weil es härter wird... oder wir in Sachsen nur älter werden und uns „irgendwie unterlegen" fühlen... oder wir gar nicht erst gelernt haben, wie Demokratie eigentlich geht... oder manchen von uns klar geworden ist, dass sie eigentlich gar keine Demokratie wollen.

War 1989 vielleicht doch ein Irrtum? Die meisten von uns wollten raus aus jenem Land, wollten etwas anderes, gerade die Sachsen. Jetzt haben wir etwas anderes – mit allen Schwierigkeiten und Widersprüchen. Und nein, es ist gerade nicht einfach, politisch irgendetwas richtig zu machen.
Aber ist es tatsächlich so, dass wir das, was wir jetzt haben, doch nicht wollen? Es ist, als hätten wir uns damals zwar Freiheit gewünscht, aber als würden wir auf die heutigen Zeiten mit Emotionen reagieren, die noch aus der DDR stammen. Wenn heutige Politiker versuchen, das Land durch die Wirren der aktuellen Welt zu steuern, kommen wir uns verraten und betrogen vor.
Migration, Corona, Klimawandel, Energiepreise, Inflation... Was kommt als Nächstes?
Die „guten alten Zeiten" sind ein Sehnsuchtsort, der nicht zu haben ist. Sie entstehen immer erst, wenn die betreffende Vergangenheit lange genug her und für ungefärbte Erinnerungen nicht mehr zu erreichen ist. Wenn nun sogar die DDR zum Sehnsuchtsort verklärt wird, ist etwas faul, und wenn die heutigen Proteste mit denen gleichgestellt werden, die zum Ende der DDR geführt haben, ist erst recht etwas faul.
Es ist, wie Michail Gorbatschow seinerzeit gesagt hat: Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. 1989 kamen die Sachsen alles andere als zu spät, als sie die Wende in Bewegung brachten. Aber dieser Tage sollten wir angesichts all der Schrumpfungsprozesse und Herausforderungen eben keiner hübsch imaginierten Vergangenheit, sondern der Zukunft ins Auge blicken. Und die ist wie jede Zukunft: Weil man sie sich kaum vorstellen kann, mag man sie vielleicht nicht. Kommen wird sie trotzdem.
Es wäre gut, wenn wir weder die Zukunft noch die Vergangenheit verklären und uns der Zukunft stellen, wie sie kommt. Auch wenn das schwierig ist mit unseren auf Idealzustände getrimmten sozialistischen Seelen. Der Klimawandel geht nicht weg, nur weil wir ihn ignorieren. Und gegen eine Welt im Wandel hilft Abschottung höchstens so lange, bis das Durchschnittsalter und der Fachkräftemangel so wachsen, dass lokale Arbeitgeber anfangen, ihrerseits Migration zu organisieren.
Freilich sind gerade in den letzten Jahren Fehler gemacht worden – zu nennen wäre beispielsweise die übertriebene „Willkommenskultur" des Jahres 2015. Aber wir lernen nur etwas, wenn wir Fehler machen oder uns etwas zum ersten Mal gelingt. Dazu müssen wir auch demonstrieren und streiten, aber wir dürfen nicht das Fundament unserer Gesellschaft infrage stellen. Denn was wäre, konsequent weitergedacht, die Alternative? Ein „SÄXIT" und dass all jene mit „konkurrierenden Ordnungsvorstellungen" dorthin ziehen? Das wird hoffentlich niemand wirklich ernst meinen.

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22. Feb. 2022|Jörg Heidig

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