Das Dreiländermagazin
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Von der Schönheit des Lebens inmitten der Hoffnungslosigkeit

In den Neunziger Jahren habe ich knapp drei Jahre lang als humanitärer Helfer, Projektleiter im Wiederaufbau und „Friedensarbeiter“ in Bosnien-Herzegowina gelebt und gearbeitet. Abgesehen von zwei kurzen Besuchen um das Jahr 2000 herum war ich knapp 20 Jahre nicht mehr dort. Bis Ende Februar diesen Jahres. Ein Reisebericht.


25. Juni 2019

Maribor, Slowenien

Es ist ein sonniger Morgen. Vor uns liegen noch etwa 300 Kilometer Autobahn bis zur bosnischen Grenze. Wir, das sind meine siebenjährige Tochter Johanna und ich. Was wird mich erwarten, wenn ich nach beinahe 20 Jahren in ein Land reise, das ich eigentlich gut kenne und dessen Sprache ich spreche, aber das ich so lange nicht besucht habe? Nördlich von Bosanska Gradiška fahren wir von der Autobahn. Ein paar Kilometer noch, dann kommen wir an die Save, den Grenzfluss zwischen Kroatien und Bosnien. Am Grenzübergang ist nichts los. Ein schneller Blick auf unsere Ausweise, und weiter geht es.

Der erste Blick


Wenn man irgendwo hinkommt und seine Sinne offen hält, hat man einen ersten Eindruck, ein erstes Gefühl. Meines ist: freudige Beklommenheit. Eine seltsame Mischung. Einerseits Vorfreude darauf, alte Kollegen und Freunde wiederzutreffen. Was wohl aus ihnen geworden ist? Andererseits erfasst mich schon auf den ersten Metern ein altes, wohlbekanntes Gefühl von Unsicherheit. Ja, so war das kurz nach dem Krieg. Man wusste nie so recht, was einen erwartet. Ich habe damals nur wenige wirklich gefährliche Situationen erlebt, aber ich erinnere mich an eine mehr oder minder ständig vorhandene Beklommenheit, und als könnte sich mein Körper besser erinnern als mein Verstand, erlebe ich genau dieses Gefühl nun wieder. Die staubigen Straßen, die relativ chaotische Art, Auto zu fahren. Ich schalte meinen Kopf ein: Es sind 20 Jahre vergangen, das heutige Bosnien ist nicht mehr das damalige Bosnien, sage ich mir. Mein buchstäblich erster Blick fällt auf eine im Bau befindliche orthodoxe Kirche. Die goldene Kuppel überstrahlt die ansonsten eher grauen Häuser. Dieses Bild begleitet mich die ersten zweihundert Kilometer durch das Land. Ich sehe viele neue Kirchen und Moscheen. Neue Moscheen in Nordbosnien - das heißt, die Rückkehr der von hier vertriebenen Muslime muss funktioniert haben. Dann komme ich auf die Autobahn - eine nagelneue Bezahlstraße quer durch Bosnien. Auch das hat funktioniert. Rechts und links der Straße hohe Masten mit der Fahne der „Serbischen Republik“ (Republika Srpska, einer der beiden Teilstaaten Bosniens). Nach der ersten Stunde auf bosnischen Straßen wird das Gefühl vertrauter - die oft schöne, bergige Landschaft mit den weit auseinanderliegenden Siedlungsflächen und zwischendrin verstreuten einzelnen Häusern und Höfen. Es ist die Zeit zwischen Winter und Frühling - die Wiesen sind noch graubraun, und die Bäume an den Berghängen sind noch kahl, aber die Sonne scheint schon, als wollte sie das Grün hervorlocken. Man sieht, dass vieles repariert wurde. Zwischendrin immer wieder einzelne Ruinen. Aber was bisher nicht wiederaufgebaut wurde, zerfällt und wächst zu. Die Kriegsspuren sind vielerorts noch sichtbar, aber sie stechen nicht mehr ins Auge.

Kurz ein Tourist sein

Dann erreichen wir Zentralbosnien, eine schöne Landschaft mit bewaldeten Bergen und kleinen Städten mit mittelalterlichen Burgen in den Flusstälern und Bergdörfern links und rechts der großen Flüsse. Bei Doboj verlassen wir den serbisch beherrschten Teil Bosniens. Maglaj ist die erste Station unserer Reise. Eine kleine, schöne Stadt an der Bosna mit einer alten Festung und einem hübschen Stadtzentrum. Ich war seinerzeit oft hier, und obwohl Teile der Stadt vom Krieg schwer in Mitleidenschaft gezogen worden waren, konnte man die Schönheit der Stadt ahnen. Und siehe da, die Stadt ist nicht wiederzuerkennen. Wir machen einen Spaziergang, ich höre die ersten bosnischen Sätze seit Jahren, erinnere mich, wie bestimmte Gebäude damals ausgesehen haben und mache Fotos davon, wie sie heute aussehen. Mir fällt auf, dass an einigen sanierten öffentlichen Gebäuden und Denkmälern EU-Plaketten hängen. Meine Tochter hört zum ersten Mal in ihrem Leben einen muslimischen Gebetsruf und staunt. Ein bisschen fühle ich mich wie ein Tourist, der gerade aus seinem Bus gestiegen ist und bestaunt, was man in 20 Jahren aus einem Land, in dem es einen fürchterlichen Bürgerkrieg gegeben hat, so alles machen kann. Wir tun dann etwas, was man als Tourist in Bosnien unbedingt machen sollte: Wir gehen in eine Čevabdzinica und essen Čevape. Die Hackfleischröllchen kann man in unseren Breiten im Supermarkt kaufen, aber nie und nimmer kommen diese Cevapcici an das heran, was man in Bosnien auf den Teller bekommt. In der Cevabdzinica sitzen nur Männer, und als wir eintreten, verstummt das Gespräch. Ich spreche die ersten bosnischen Worte, und es holpert merklich. Wir nehmen Platz, schauen uns um, und langsam gehen die Gespräche wieder an. Es geht um die Höhe der Renten und dass man von der staatlichen Rente kaum leben kann. Dann wird besprochen, wer aus der Stadt nach Deutschland gegangen ist und wer gerade probiert, sich die notwendigen Papiere zu organisieren. Die Cevape sind lecker. Mein Töchterlein mag vor allem das warme, ölgetränkte Fladenbrot.





Ein Denkmal (Uzeirbegov Konak) in traditioneller bosnisch-muslimischer
Bauweise in Maglaj, links kurz nach dem Krieg im Winter 1996/97 und
rechts heute.

Einbildung und Ent-Täuschung

Was ich noch nicht ahnen kann: Die Gesprächsthemen der älteren Herren aus der Cevabdzinica, also dass man von dem Geld, was man bekommt, kaum leben kann und dass viele auswandern wollen, werden uns die ganze Reise lang begleiten. Auch bei dem Gefühl, ein Tourist zu sein, soll es nicht bleiben. Einige Tage später werde ich das Land mit sehr gemischten Gefühlen wieder verlassen. Ich werde das Gefühl haben, das Land und seine Menschen immer noch zu lieben, aber ich werde sehr betroffen sein von der Hoffnungslosigkeit vieler Leute, denen ich begegnet bin. Und ich werde von vielem enttäuscht sein. Wo Enttäuschung ist, muss vorher eine Täuschung gewesen sein. Ich war bereits am Ende meines knapp dreijährigen Einsatzes in Bosnien einigermaßen kritisch bezüglich des Sinns und der Effekte von humanitärer Arbeit und Entwicklungshilfe. Aber am Ende dieser Reise werde ich komplett ernüchtert sein. Ich war seinerzeit froh, keiner von den „erleuchteten Idealisten“ zu sein, sondern eher realistische Erwartungen und pragmatische Ansätze zu haben. Aber ja, auch ich habe mir eine ganze Menge eingebildet.

Das Gefühl, nie weg gewesen zu sein


Doch langsam. Wir waren gerade noch Touristen in Maglaj. Zurück zum Auto, eine halbe Stunde an der Bosna entlang fahren, und wir kommen in Begov Han an, dem Dorf, in dem ich vor zwanzig Jahren zwei Sommer und drei Winter lang gelebt habe. Mein damaliger Kollege hat sich eins der Häuser gekauft, in dem seinerzeit einige der Flüchtlinge lebten, für die meine damalige Organisation hergekommen war. Erster Eindruck: Es sieht alles noch so aus wie damals, nur die Kinder fehlen. Früher waren auf dem Dorfplatz kaum weniger als zehn Kinder zu sehen, oft zwanzig oder mehr. Jetzt waren es zwei. Wir werden herzlich empfangen, und wie man das in Bosnien macht: Wir setzen uns hin, trinken Kaffee und rauchen. Kurz überfällt mich das Gefühl, nie weg gewesen zu sein. Die alte Vertrautheit mit meinem früheren Kollegen, die Erinnerung an unsere Freundschaft, die Blicke und Gesten, die ich so lange nicht gesehen habe und doch sofort wiedererkenne. Die Geschichten: zur Arbeit gehen, Kinder großziehen, ein Haus kaufen, eine Ehe führen. Mit wenig Geld auskommen, trotzdem leben. Im Fernseher läuft eine Serie: Eine wunderschöne Frau aus reichem Hause verliebt sich in einen hübschen, irgendwie geheimnisumwitterten Kerl, der als Müllfahrer arbeitet. Dahinter spannen sich Intrigen um Investoren, die armen, aber ehrlichen Leuten ihr Dorf wegnehmen wollen. Mein Freund sagt: „Siehst Du, das ist für den bosnischen Arbeiter, damit er sich einbilden kann, dass sich irgendwann eine reiche Schönheit in ihn verliebt.“ Wir erzählen weiter, und irgendwann wird das Gespräch stockender. Es ist nicht so, dass man vor Geschichten sprudelt, wenn man sich fast 20 Jahre nicht gesehen hat. So etwas geht offenbar langsam.

Keine Hoffnung?


Dann schaue ich aus dem Fenster. Die Bosna fließt noch dort, wo sie seinerzeit geflossen ist. Seit die meisten Flüchtlinge weg sind, stehen einige der Häuser leer und verfallen. Die Serben, die hier bis zum Krieg gelebt haben, sind nicht zurückgekehrt. Ich weiß nicht, wie oft ich damals so beim Kaffee gesessen, geraucht und geredet habe. Mit dem Gefühl kommt die Sprache wieder, meine Worte werden flüssiger. Ich erzähle von meinem Eindruck bei der Einreise: dass es viele neue Kirchen und Moscheen gibt und die jeweiligen nationalen Symbole sehr präsent sind, dass sich aber am Leben der Leute kaum etwas geändert zu haben scheint. Die Häuser sehen noch aus wie damals, gut, es sind ein paar mehr Häuser repariert, und an manchen Orten wurde auch viel investiert, aber irgendwie… und dann finde ich ein Wort: als liege eine Hoffnungslosigkeit über dem Land. Als hätte es damals, nach dem Krieg, Hoffnung gegeben, die jetzt nicht mehr zu spüren ist. Das ist nur ein Gefühl, und ich suche nach Worten, um es zu beschreiben. Und mein Freund sagt: „Ja, was willst Du. So ist es. Hier gibt es keine Hoffnung. Das Land ist, wie es ist. Du kannst arbeiten. Wenn Du Glück hast, wirst Du versichert. Aber so oder so: Du wirst schlecht bezahlt.“ Und er erzählt, wie er arbeitet und wie seine Frau arbeitet, und dass sie ihren Kindern die Schule ermöglichen und, und, und. Und ich frage, was aus den Leuten geworden ist, mit denen wir seinerzeit gearbeitet haben. Die meisten sind zurückgekehrt, manche haben sich zurechtgefunden, anderen geht es sehr schlecht.

Wer kann, geht weg


Dann zeigt er mir Zeitungsartikel mit Statistiken: Bosnien hat derzeit etwas mehr als dreieinhalb Millionen Einwohner. Unmittelbar vor dem Krieg waren es noch 4,2 Millionen. Allein in den letzten fünf Jahren haben mehr als 170.000 Menschen das Land verlassen (knapp 50.000 Familien). Nun werde ich hellhörig. „Stimmt. Ich habe bisher kaum Kinder gesehen“, sage ich und recherchiere selbst ein wenig: Die Geburtenrate ist weiter gesunken auf derzeit 1,36 Kinder pro Frau. Im Vergleich: Deutschland lag lange bei 1,4 Kindern pro Frau, in den vergangenen Jahren ist die Geburtenrate auf 1,5 Kinder pro Frau angestiegen. „Wer kann, geht“, sagt mein Kumpel. „Die Leute gehen ins Ausland, um zu arbeiten. Hier kannst Du Dich bemühen, wie Du willst. Es geht schon irgendwie, aber eben immer nur irgendwie.“ Und dann erzählt er, dass viele Firmen kaum noch Leute finden. Das Problem kommt mir bekannt vor. In deutschen Unternehmen wird heuer viel über Fachkräftemangel und Mitarbeiterbindung gesprochen. Ich erkundige mich während meiner Reise noch an anderen Stellen nach der Personalsituation und bekomme den Eindruck, dass die Situation auf dem Balkan für Unternehmen noch schwieriger ist als in Deutschland.

Hat Viktor Orban Recht?


Die nächsten beiden Tage verbringen wir damit, alte Bekannte und Freunde zu besuchen. Mein Kumpel kennt die Orte und weiß, wo wir langfahren müssen. An viele Wege erinnere ich mich, aber manche Orte würde ich allein nicht finden. Wir besuchen Danijel Milicic, einen jungen Mann, den wiederzutreffen ich mich sehr freue. Er scheint zufrieden zu sein mit seinem Leben und seiner kleinen Werkstatt. Wir trinken ein Bier zusammen, und es bleibt irgendwie das schönste Bier dieser Reise. Später sitzen wir bei einem alten Bekannten, der Besuch von einem serbischen Nachbarn erhält. Als der hört, dass ich aus Deutschland komme und seine Sprache verstehe, fragt er, ob ich erlaube, dass er mir eine Frage stellt. Ich bejahe, und er sagt: „Hat Viktor Orban Recht oder nicht?“

Vom Luxus funktionierender Institutionen

Nach zwei, drei Tagen bin ich wieder „drin“ im Land und im bosnischen Leben. Die Sprache fließt jetzt, aber ich bemerke, dass ich Fehler mache. Die Leute freuen sich, dass wir vorbeikommen. Manche haben sich kaum verändert, andere sind sichtlich alt geworden. Einer, von dem ich gehofft hatte, dass ich ihn treffen könnte, ist nur wenige Wochen zuvor gestorben. Der Zufall will es, dass ich seiner Witwe und einem seiner Kinder begegne und wenigstens mein Beileid aussprechen kann. Ein Gedanke lässt mich nicht los: Ich erkenne, wie wichtig Familien sind. In einem Land, das so korrupt ist wie Bosnien, in dem man sich also bei Weitem nicht in dem Maße auf Institutionen verlassen kann wie in Deutschland, und in dem „Otto Normalverbraucher“ zu wenig verdient, um gut zu leben, gibt die Familie Halt. So wie es auf dem Gebiet der ehemaligen DDR nach wie vor eine gewisse Begeisterung für das „alte Land“ (gemeint ist die DDR) oder die „Friedenszeiten“ (gemeint ist wahlweise die Zeit vor der Wiedervereinigung oder der zunehmenden Globalisierung) gibt, so sehe ich in manchen bosnischen Wohnzimmern noch immer Bilder von Tito, dem Partisanengeneral und späteren Staatschef Jugoslawiens. Der Sozialismus mit seinen mitunter knallharten Institutionen erscheint vielen Menschen wünschenswerter als das korrupte Nationalistentheater, das jetzt in Bosnien herrscht.

In den Städten sieht es anders aus


Meine Tochter hat bis jetzt gut durchgehalten. Es ist anstrengend, wenn man kein Wort versteht. Hier und da spielt sie mit einem Kind, oder eine unserer Gastgeberinnen schnappt sie sich und kocht oder spielt mit ihr. Und freilich gefällt es ihr, dass fast überall die Fernseher laufen. Bei Trickfilmen scheint es egal zu sein, ob man die Sprache versteht oder nicht. Nach drei Tagen Besuchen bei alten Freunden und Bekannten ist es genug - für Johanna und für mich auch. Wir machen uns auf in die Einsamkeit der Berge. Auf dem Vlasic, einem malerischen Gebirgszug mitten in Bosnien, liegt noch ein halber Meter Schnee. Wir haben uns ein kleines Appartement gesucht, kaufen Brot und Schinken und Käse ein, gehen spazieren, genießen die Ruhe und das bosnische Essen - ein wunderschöner Tag und eine kleine Pause nach all den vielen Begegnungen, Gesprächen und Gedanken. Am nächsten Tag geht es wieder vom Berg herunter. Unsere nächste Station ist Travnik, die, wie ich finde, schönste Stadt in Bosnien. Hier kommt alles zusammen: malerisch gelegen zwischen hohen Bergen, mit einer alten Burg und vielen, teilweise sehr schönen Moscheen und hübschen Häusern. Eine Kleinstadt eigentlich, aber dennoch voller Leben. Es sitzt sich gut in den Cafés, und die Cevape sollen hier die besten in ganz Bosnien sein. Sie sind gut, so viel bemerken auch wir, und es ist schön, durch die Stadt zu flanieren, einzukaufen und unter der für Ende Februar ungewöhnlich warmen Nachmittagssonne in einem kleinen Park zu sitzen. Man muss nur in die Städte gehen, und schon trifft man andere Menschen, denke ich. Nach den bewegenden, aber mitunter deprimierenden Eindrücken der ersten Tage tut das gut.





Travnik war in grauer Vorzeit einmal die Residenzstadt eines
Statthalters des Sultans. Heute ist Travnik eine kleine, aber
wunderschöne Stadt zwischen hohen Bergen. In der ungewöhnlich warmen
Februarsonne hat uns Travnik richtig angestrahlt.

Die Schönheit des Lebens

In Travnik treffe ich einen interessanten Gesprächspartner. Unser Gastgeber ist ein älterer Herr, der jünger aussieht, als er ist. Wir fangen an zu reden und hören erst ein paar Stunden später wieder auf. Er schreibt an einem Roman, aus dem er mir vorliest. Ich höre gespannt zu, es geht um die schönen Seiten des bosnischen Lebens. Der Text ist sehr bildhaft geschrieben, und ich sehe die Romanfiguren vor mir, wie sie tanzen, reden, lieben, in Konflikte geraten, sich mit den Umständen des Krieges herumschlagen – und die Hoffnung nicht verlieren. Die poetische Sprache meines Gegenübers nimmt mich regelrecht mit in ein anderes Leben. Dann kommen wir ins Philosophieren. „Was soll ich über den Krieg schreiben? Über den Krieg gibt es nichts zu schreiben. Ich war jahrelang in den Schützengräben. Ich weiß, was Krieg ist, aber darüber habe ich nichts zu schreiben. Als der Krieg vorbei war, bin ich zu meinen serbischen und kroatischen Bekannten gegangen und habe ihnen wieder die Hand gegeben. Mir ist egal, was du glaubst, und wenn du nichts glaubst, ist das auch in Ordnung. Schreiben will ich nur über die Liebe. Über etwas anderes gibt es nichts zu sagen. Ich bin schon älter, und wenn man erstmal so alt ist wie ich, dann gibt es nichts mehr außer der Schönheit des Lebens und der Liebe. Mich hat man nie jammern hören, das habe ich mir nie erlaubt“, sagt er und blickt bei den letzten Sätzen seine Frau an. Er sagt noch viel mehr, bis ich verstehe: Hier hat jemand Hoffnung, hier hat jemand nicht aufgegeben. Und plötzlich wird mein Bosnien-Bild wieder vollständig, plötzlich sehe ich es wieder, das schöne Land mit seinen leicht schwermütigen, manchmal seltsam lauten, leidenschaftlichen und irgendwie nie aufgebenden Menschen. Die Hoffnungslosigkeit liegt nur wie ein Nebelschleier oder ein grauer Firnis über dem Land, und ja, die Armut, die ich an manchen Orten gesehen habe, kam mir regelrecht „bissig“ vor. Aber darunter liegt die Schönheit des bosnischen Lebens. Die Frage ist nur, ob man sich der Hoffnungslosigkeit hingibt oder nicht. Es kostet vielleicht mehr Kraft als in Deutschland, Hoffnung zu haben, will ich denken, doch dann sage ich: „Wissen Sie was, ich glaube, die Menschen in den westlichen Ländern haben ein Problem. Sie glauben nicht mehr viel, sie sind zwar frei, aber ihnen fehlt eine verbindende Hoffnung.“ Mein Gegenüber nickt und lächelt und mir wird klar, dass man, um Hoffnung zu haben, etwas glauben muss.

Was von unserer Arbeit geblieben ist


Als wir uns am nächsten Tag verabschieden, denke ich, dass ich bald wieder nach Travnik kommen und mich erkundigen muss, ob der kluge Herr sein Buch drucken lassen hat. Ich hätte gern ein Exemplar. Der letzte Tag unserer Reise ist angebrochen, und wir besuchen in Zenica, der Stadt, in der wir seinerzeit unser Büro hatten, meinen früheren Kollegen Zeljko Cumbo. Ich freue mich sehr, ihn zu sehen, schließlich waren wir drei Jahre lang Kollegen. Die letzten zwanzig Jahre sind schnell erzählt. Was hast Du gemacht, was habe ich gemacht. Zeljko ist Ingenieur und als Spezialist für Pellettfabriken auf dem ganzen Globus unterwegs. Und dann? Dann ziehen wir ein Fazit unserer gemeinsamen Arbeit. Und nein, es fällt nicht besonders gut aus. Klar, von den meisten Infrastrukturprojekten ist etwas geblieben. Aber von einem größeren Wohnungsbauprojekt für Roma ist nicht mal mehr ein Ziegelstein übrig. Und die „einkommensschaffenden Maßnahmen“ haben in vielen Fällen Streit nach sich gezogen. Ein Bauer bekam eine trächtige Kuh und sollte das erste weibliche Kalb an den nächsten Bauern weitergeben. Plötzlich gab es besonders viele männliche Kälber, oder das Kalb war plötzlich gestorben oder gleich die ganze Kuh. Und die Friedensarbeit? Damals wie heute werden solche Bemühungen vom Nationalismus aufgefressen. „Hier ist nur kein Krieg, weil die so einen entsetzlich großen Haufen Geld haben“, sagt mein Kollege, und er meint die Europäische Union. „Immer wenn es um Geld geht, sind sich die drei Präsidenten mal kurz einig und benehmen sich. Aber ansonsten gibt es hier nur Zank und Korruption.“ Und dann höre ich, was ich in den Tagen zuvor schon so oft gehört habe: Wer kann, geht weg.

Das post-humanitäre Syndrom


Ich erzähle, dass ich in den ersten Tagen meiner Reise an einigen Stellen regelrecht schockiert war zu sehen, dass einige meiner Bekannten heute schlechter leben als seinerzeit unter den Umständen der Versorgung durch humanitäre Hilfe. Was ich nun zu hören bekomme, ist interessant: Einerseits verschwinde viel Geld durch Korruption und komme nicht bei denen an, die es bräuchten, Veteranen zum Beispiel. Es gebe seit Jahren Proteste, und kurz vor den Wahlen gebe es Geschenke, aber danach gehe es so weiter wie immer. Und dann überrascht mich mein Kollege mit dem Begriff „post-humanitäres Syndrom“. Ich hatte seinerzeit den Eindruck, dass sich einige Flüchtlinge an den Umstand der Versorgung durch humanitäre Organisationen gewöhnen und ein regelrecht „forderndes“ Auftreten entwickeln, wenn die Hilfe zurückgeht oder nach ein paar Jahren schließlich ganz ausbleibt. Nach meiner Rückkehr habe ich das als „Kultur der Abhängigkeit“ bezeichnet, also als eine Art Gewöhnung an die Abhängigkeit. Mein Kollege meint nun, dass größere Teile einer ganzen Generation von diesem Syndrom betroffen sind, und zwar diejenigen, die kurz nach dem Krieg noch Kinder oder Jugendliche waren. Sie hätten sich während der vielen Jahre humanitärer Hilfe so an die „Donations“ (Donacije) gewöhnt, dass sich dadurch ihre Eigeninitiative verringert hätte. Wie schon bei dem Gespräch in Travnik, so habe ich auch jetzt den Eindruck, dass es angesichts der Korruption und der nur bedingt funktionierenden Institutionen umso mehr darauf ankommt, ob man als Mensch für sich und die Seinen standhaft bleibt oder ob man sich von der allgemeinen Unsicherheit und Hoffnungslosigkeit anstecken lässt: „Du kannst nur zusehen, dass Du Dein Leben lebst, so gut es eben geht. Ich denke nur maximal fünf Jahre voraus. Weiter zu denken, lohnt sich nicht.“

Die neuen Flüchtlinge


Nach mehreren Tagen umgeben von einer fremden Sprache wird Johanna langsam ungeduldig. Sie weiß, dass wir heute noch in Richtung Heimat aufbrechen und bittet mich mehrfach darum, dass wir gehen. Kurz bevor wir uns verabschieden, läuft ein streunender Hund an dem Café vorbei, vor dem wir in der Sonne sitzen. Ich erzähle meinem Kollegen, dass Johanna in diesen Tagen mehrfach erklärt hat, dass sie, wenn sie groß ist, nach Bosnien kommt und die vielen freilaufenden Hunde mit nach Deutschland nimmt, um ihnen dort ein Zuhause zu verschaffen. „Das sind die neuen Flüchtlinge“, lacht mein Kollege und erzählt, dass es in Bosnien mehrere Organisationen gibt, die in den Großstädten Streuner einfangen, impfen lassen und nach Westeuropa transportieren. Die Chefs dieser Organisationen seien sehr reich geworden, und manchmal passiere es, dass in der Stadt keine Hunde mehr zu finden seien, weshalb man dann aus den Bergdörfern neue Straßenhunde heranschaffen müsste. Ich muss herzlich lachen. Die Story erinnert mich an meinen eigenen Idealismus: Ja, man muss sich eine ganze Menge einbilden, um diese Arbeit zu machen. Und auch wenn ich immer dachte, ich sei unter den Idealisten eher ein Pragmatiker – auch ich war ein Idealist und habe Bosnien mehr so gesehen, wie ich es sehen wollte, und weniger, wie es war.

Gedanken zum Abschied


Wir verabschieden uns herzlich, und vor uns liegt die Heimreise. Für mich ist es eine lange Fahrt voller Gedanken – Gedanken an ein Land, das ich gut kenne und dessen Sprache ich spreche, aber das ich doch nicht kenne oder zumindest damals nicht ganz erkannt habe. Wie wir die Dinge sehen, sagt weniger über die Dinge als über uns selbst. Ich denke über Sinn und Unsinn humanitärer Hilfe nach und vor allem über die Wirkungen der so genannten „Entwicklungszusammenarbeit“. Ich muss an die Zukunft Europas denken und an die Frage, was uns in Europa zusammenhält. Zwangsläufig geht mir durch den Kopf, wie gut wir es haben, wie sicher und planbar wir leben, und wie leichtfertig wir das alles hinterfragen und uns gegenseitig als „Nazis“ oder „linksgrün versiffte Aktivisten“ beschimpfen. Und am Ende denke ich über die Frage nach, was seinerzeit mit mir passiert ist und wie mich jene lange zurückliegenden drei Winter und zwei Sommer verändert haben. Ich verlasse Bosnien mit dem Gefühl, das Land und seine Menschen noch immer zu lieben, und mit dem Wunsch, bald wiederzukommen – trotz jener leisen Beklommenheit, die mich während dieser Reise nur selten losgelassen hat.

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25. Juni 2019|Jörg Heidig

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