Das Dreiländermagazin
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Aus dem Wald

Forest Roots


13. Mai 2020

Marcel Frehse und Heiko Fehrmann sind in den Wäldern rund um das Zittauer Gebirge unterwegs. Und am liebsten sind sie mit analoger Kamera und Field Recorder ausgerüstet, wenn sie sich durch die Natur treiben lassen auf der Suche nach einem dieser besonderen Momente: „Den Wald aufzunehmen, wenn möglich ohne menschliche Einflüsse“, sagt Heiko und lacht dabei.

Es geht ihnen darum, „fernab der Wege möglichst tief in den Wald einzutauchen und eine enge Beziehung zu diesem natürlichen Lebensraum aufzubauen“. Sie möchten hineinhören. Hineinhören in eine Welt, in der sie Inspiration finden und deren Geräusche Teil ihrer Musik werden. Und das braucht Zeit. Wenn sie einen dieser Plätze gefunden haben, dann stehen sie still. Sehen und hören. Ein Rascheln im Laub am Boden, im Dickicht eine Amsel und hoch über ihnen reiben die Äste im kalten Wind. Der eigene Atem ist das einzige menschliche Geräusch, das sie, so gut es geht, unterdrücken. Diese Erfahrung verbindet die beiden seit Jahren.

Und beide verbindet das gemeinsame Komponieren. Zusammen sind sie das Musikprojekt Nemo & Jaymon und veröffentlichen ihre gemeinsame Musik auf ihrem Netlabel Forest Roots. Dennoch sind sie so verschieden wie Nadel- und Laubbaum. Der eine arbeitet im Webhosting, der andere ist Heilerziehungspfleger. Bei Heiko sind die Einflüsse House und Techno. „Irgendwann habe ich dann Reggae und Dub entdeckt, was starke Einflüsse auf meine Kompositionen hat.“ Er liebt die Klarheit in der Musik und macht die Beats, die Rhythmuselemente. „Aus einem Knacken, einem Knarzen der Bäume lässt sich leicht ein Basskick herausfiltern und ein Rhythmus entwickeln.“

Marcel ist, wie er von sich sagt, der melancholische Typ, der mit den Synthesizern zu tun hat. Der solange an den Synth-Patches feilt, an Klangüberlagerungen und Melodien herumoperiert, bis einer dieser unverwechselbaren Klänge entsteht, der genau seinen Eindruck von dem Erlebten wiedergibt.

Und bei ihm zu Hause wird schnell klar, was er unter dem „Nachspüren von Klängen“ und dem „Erzeugen von Stimmungen“ versteht. Seine Arbeit mit Synthesizern hat längst die Fortgeschrittenenstufe überschritten. Wann immer es seine Zeit erlaubt, probiert er neue Geräte aus. „Es sind nicht immer die neusten, die den erwünschten Sound, die anvisierte Klangwelt ergeben.“ Faszination liegt in seiner Stimme, als er Funktionen und Möglichkeiten seiner Sammlung Musikgeräte aus vier Jahrzehnten beschreibt. Und das hört man auch.

Musik machen sie jeder für sich. Jeder von ihnen hat einen anderen Blick auf die Natur, hört sich anders in den Wald ein, nimmt andere Geräusche wahr. Die Field Recordings fließen in die Musik ein. Aber jeder von ihnen verwendet diese nach seinen Vorstellungen als Quelle für die eigenen Klang-Kompositionen. Und zugleich sind die Aufnahmen ein Bezug zur Natur selbst, eine Vergewisserung.

Später treffen sie sich, komplimentieren die Tonspuren, experimentieren mit den Sounds und Rhythmen, bis die Tracks „rund sind“. Dabei ist es wie bei allen kreativen Prozessen, „du musst wissen, wann es fertig ist, es darf nicht zu viel enthalten sein, aber es muss auch die Idee zu erkennen sein. Wenn du die wiegenden Bäume vor dir siehst und das Knistern des gefrorenen Bodens spürst, dann ist es gelungen, diese Stimmung in die Musik zu übertragen.“ Dabei verfolgen sie nicht das Ziel, die Umwelt abzubilden. Es geht ihnen darum, das Empfinden, eine Idee von Wald und seiner Bedeutung abseits der urbanen Welt zu spiegeln. Und das ist jedes Mal anders. „Zu beschreiben, wie es ist, wenn du durch einen mit winterlichem Schnee bedeckten Boden gehst, ist gänzlich anderes als im Sommer, wenn die Erde knorplig trocken und spröde ist und sogar im Wald sich die Luft aufheizt. Das Rascheln der Blätter, Käfer unter der Rinde und wenn du ganz viel Glück hast ein Specht oder ein Käuzchen.“ All diese Geräusche und Klänge sind ihnen Musik.

Irgendwann waren sie nachts unterwegs und dann war da dieser Uhu, ganz laut neben ihnen. Das ging gar nicht anders. Daraus wurde später der Track Nachts im Wald. Synthesizer eröffnen einen Raum, ein Raum aus Tönen, Töne, die in der Ferne entspringen. Sphärisch führen diese hinaus, weg von Menschen und Verkehr an den Ursprung der natürlichen Lebenswelt. Ob an Orte, düster und bedrohlich, an denen das Licht schwach wird, oder zu solchen, an denen die Musik ein Tor aufstößt und sich die Kronen der Bäume zu einem Dom formen.

Peter Wohlleben spricht von einer pflanzlichen Lebenswelt, in der Tiere ungestört leben können – einer Lebenswelt, die den Menschen gar nicht braucht – in der Pflanzen wuchern können, Bäume knorrig wachsen dürfen und wenn ihre Zeit kommt, dort bleiben können.

Und während die Musik pulsiert, wächst die Konzentration und die Gedanken fließen weiter hinaus. Welche Bedeutung hat der Wald für uns? Es mag ungewiss erscheinen, ob Bäume soziale Beziehungen zueinander aufbauen. Erwiesener erscheint indes, dass der Mensch für alles andere Leben verzichtbar ist. Die Bedeutung der Bäume und Wälder für den Menschen hingegen ist unbestritten und jeder würde einen Einfluss auf sich anders beschreiben.

Für viele ist es ein Ort der Erholung. Gleichzeitig besitzt er etwas Unnahbares, Mystisches. Für die, die vertraut mit den Wäldern sind, strahlen Bäume und das Geflecht von Pflanzen eine Anziehung, etwas Beruhigendes aus, oder sind einfach schön. Wie die Meere sind die Wälder eine Urform unserer natürlichen Umwelt. Es ist also richtig, wenn wir als Menschen in die Wälder zurückkehren, zurück zu uns selbst und unserem natürlichen Lebensraum.

Soweit müssen die Gedanken nicht gehen. Was Forest Roots weckt, ist auf jeden Fall unsere Aufmerksamkeit. Und weil sich diese Welt und unsere Gefühle so schwer in Worte fassen lassen, gibt es diese Musik, um einen Weg in unser Gehör und unsere Sinne zu finden.

Diese Musik ist nichts, wenn du im vollen Schwung des Tages unterwegs bist und nebenbei deine To-Dos abarbeitest. Diese Musik zwischen Ambient und Dub mit vielen feinen Einflüssen braucht wie ein Spaziergang im Wald Zeit. Und sich dafür Zeit zu nehmen, lohnt auf jeden Fall. Also, legt euch zurück und hört hinein.

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13. Mai 2020|Thomas Kluttig

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